Ortsgruppe Seeheim-Jugenheim

Vertreter des BUND ließen sich vor Ort von Martin Bullermann (rechts) den neuen Parkplatz von Riese und Müller erläutern. Die Teilnehmer (von links Stellv. Vorsitzende Cornelia Fried, Vorsitzende Michaela Marx, Roland Hauptmann, Ayla und Benian Kara waren überrascht, wie viele konkrete Überlegungen R&M sich zum jetzigen Planungszeitpunkt bereits gemacht haben, um möglichst viele für die Umwelt positive Aspekte mit einzubeziehen. Der BUND wird bei Umweltfragen zu diesem Gesamtprojekt gerne sein Wissen einbringen. Photo: BUND, Frank Werthmann

Mühltals Kommunalpolitik kommt nicht zur Ruhe. Erneut wird mit harten Bandagen um ein Bauvorhaben gerungen. Die Gemeindevertretung Mühltals hat in Ihrer Sitzung im vergangenen Juli mit großer Mehrheit das Bauvorhaben der Fa. Riese & Müller (R & M) positiv beschieden und die Aufstellung des Bebauungsplans „Südlich der Modau“ beschlossen. Doch damit gibt sich die unterlegene Fraktion in der Gemeindevertretung nicht zufrieden. Ein Bürgerbegehren soll es richten und das Bauvorhaben doch noch vereiteln. Vermeintlich unabweisbare ökologische Argumente werden mit viel Wind ins Feld geführt.  Worum geht’s konkret? Die Fa. R & M, seit drei Jahren im neuen Gewerbegebiet Ruckelshausen ansässig, erlebt mit Ihren Spezial-Fahrrädern in den beiden letzten Jahren einen in der Dimension nicht erwarteten Nachfrageboom. Mit ihren Gebäuden und Flächen sind sie an Kapazitätsgrenzen gestoßen, bauliche und flächenmäßige Erweiterungen sind dringend notwendig geworden. Ein Baustein der Maßnahmen ist ein neuer Parkplatz. Geplant ist er südlich der Modau, gegenüber der Kläranlage, als Ersatz für den bestehenden Parkplatz, auf dem neue Produktions- und Lagerhallen gebaut werden sollen.

In dieser Gemengelage haben sich die Mitglieder der örtlichen BUND-Organisation vorgenommen, sich intensiv und ohne ideologische Scheuklappen mit besagtem Projekt zu befassen und sich in die politische Diskussion einzubringen. Teil dieses Prozesses war am 16. September ein Vor-Ort-Termin mit dem beauftragten Planer des Bauvorhabens, Martin Bullermann.

Die Teilnehmer konnten bei der Begehung des zukünftigen Parkplatzgeländes feststellen, dass der geplante Parkplatz direkt neben der künftigen Erweiterung der Kläranlage (notwendige 4. Klärstufe) liegt. Der Parkplatz liegt deutlich über dem Niveau der auf der anderen Seite der Modau gelegenen Märkte. Er eignet sich daher kaum als Überflutungsgebiet. Wenn es tatsächlich zukünftig zu einem Rückstau und zu Überschwemmungen käme, würden in erster Linie die tiefer gelegenen Läden an der Rheinstraße überflutet werden.

Auch von einer angeblichen Modauaue war nichts zu sehen. Das Gelände wird heute intensiv landwirtschaftlich als Acker genutzt. Irritiert waren die BUND-Vertreter darüber, dass der Acker fast unmittelbar an die Modau heranreicht und die gesetzlich vorgeschriebene 10-Meter-Abstandsregelung zur Modau nicht eingehalten wird.

Positiv wurde vermerkt, dass durch das Projekt nur bis zu 10% der Fläche versiegelt wird. Alle Parkplätze werden auf einer Rasenfläche stehen. Die Zuwegungen bestehen aus wasserdurchlässigem Schotter. Nur an den Kreuzungsstellen wird es eine gewisse Versiegelung z.B. durch Rasensteine geben.  Rund 60 - 70 einheimische Bäume sollen gepflanzt werden. Die Ökopunkte, die einen Ausgleich für den Acker darstellen, werden direkt auf dem Gelände von R&M wieder ausgeglichen, indem dort eine Streuobstwiese angelegt wird.

Zur Modau wird das Parkplatzgelände einen Abstand von knapp 20 Meter haben, die gesetzliche 10-Meter-Abstandsregelung wird also deutlich überschritten. An dieser Stelle sollen Retentionsflächen von bergseitig und der B 426 zufließendem Wasser als Feuchtgebiete angelegt werden, die dann den Modauraum erweitern.  Die BUND-Vertreter begrüßen das sehr und fordern vom Abwasserverband Modau, dass auch er bei der geplanten Erweiterung seines Geländes südlich der Modau ein solches Biotop entlang der Modau errichtet. Auch der kleine Entwässerungsgraben, der quer durch das Gelände geht, wird als Feucht-Biotop aufgewertet und ein der Öffentlichkeit zugänglicher Radweg durch das Gelände gebaut, der zukünftig den Gewerbepark Ruckelshausen mit der Rheinstraße verbindet.

Was das Argument des erhöhten innerörtlichen Verkehrsaufkommens anbelangt, wie es die Verfechter des Bürgerbegehrens ins Feld führen, so wollen die BUND-Mitglieder erst einmal das Ergebnis des Verkehrsgutachtens abwarten. Logisch aber erscheint das Argument der Gegner des Bauvorhabens nicht zu sein. Denn -  die Mitarbeiter*innen mit PKWs aus Darmstadt werden den gleichen Weg wie bisher nehmen. Solche aus dem Odenwald werden an der Kreuzung der B 426 zum Gewerbegebiet Ruckelshausen künftig nicht mehr links abbiegen müssen, sondern rechts zu den Kreiseln abfahren. Das entlastet die Kreuzung, da ein Linksabbieger den Verkehrsfluss immer stärker behindert als ein Rechtsabbieger. Die Fahrer*innen schließlich, von Süden oder Westen kommend, tangieren den innerörtlichen Verkehr ohnehin nicht.

Nach der Ortsbesichtigung stand Geschäftsführer Markus Riese Rede und Antwort. Er berichtete über die positive Firmenentwicklung: Die Mitarbeiter in Mühltal hätten sich seit dem Umzug in das Mühltaler Gewerbegebiet Ruckelshausen auf 700 Mitarbeiter verdoppelt. Man lege sehr viel Wert auf ein gutes Zusammenleben der aus 37 Nationen kommenden Mitarbeiter*innen. Ein Mitarbeiter einer Stabsstelle habe  die Aufgabe, bei neu einzustellenden aber auch bei bestehenden Mitarbeiter*innen dafür zu werben, mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV zur Arbeit zu kommen. So konnte der Anteil der Radfahrer auf 35% gesteigert werden, was ein Rekord für Hessen ist. Im Schnitt der deutschen Wirtschaft fahren weniger als 10% mit dem Fahrrad zur Arbeit. Aber auch der Anteil der Mitarbeiter*innen mit ÖPNV oder mit Fahrgemeinschaften liegt deutlich über dem deutschen Schnitt. Damit aber gibt sich die Geschäftsführung nicht zufrieden, „wir unterstützen Jeden der sich für einen Umstieg vom Auto zum Fahrrad entscheidet“ erklärt Markus Riese und will die Zahlen für Pendler mit Fahrrad oder ÖPNV weiter steigern. Doch bei allen Fortschritten in dieser Richtung, die knapp 400 Parkplätze des geplanten Projekts berücksichtigen jene Mitarbeiter, die aus dem Großraum Frankfurt, dem Odenwald oder der Bergstraße anfahren müssen.

Die Notwendigkeit eines Parkplatzbaues ist sicherlich kontrovers und der dadurch entstandene Flächenverbrauch muss durch geeignete Maßnahmen vor Ort ausgeglichen werden. Durch die umfangreichen Maßnahmen und das Gesamtkonzept der Firma R&M konnten sich die Mitglieder der Ortsgruppe von den Argumenten ein gutes Bild machen. In Abwägung der verschiedenen Aspekte und dem wesentlichen Beitrag zur Verkehrswende bewerten wir das Projekt durchaus positiv.

 

  Dr. Michaela Marx, Vorsitzende

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